Dein wahrer Stundenlohn

Was zum Teufel ist ein „wahrer Stundenlohn“?

Bestimmt hast du dir schonmal ausgerechnet, was du pro Stunde Netto verdienst. Dabei hast du wahrscheinlich einfach dein monatliches Nettogehalt durch deine Arbeitsstunden geteilt. Falls du Sonderzahlungen (Weihnachtsgeld, Urlaubsgeld, Boni) bekommst, solltest du diese noch zusammenrechnen und durch zwölf teilen. Anschließend dann diesen Betrag zu deinem Monats-Netto addieren und erst dann durch die Stundenanzahl teilen (ein Monat hat übrigens im Schnitt 4,33 Wochen).

Jetzt denkst du dir bestimmt: „Ja klar, kenne ich schon, genau so habe ich mir das ausgerechnet. Aber was ist nun der Unterschied zum wahren Stundenlohn?

Schonmal daran gedacht, dass du auch Ausgaben hast, die du nur für oder wegen dem Job hast? Zum Beispiel kostet dich der Weg in die Arbeit und zurück Geld und auch Zeit. Vielleicht brauchst du spezielle Kleidung, die du dir sonst nicht kaufen würdest? Oder du musst dich täglich schminken, weil das von dir so erwartet wird? Mittags gehst du vielleicht (teuer) Essen während du dir zu Hause selbst etwas (günstiges) kochen würdest. Wie lange ist eigentlich deine Mittagspause? Sitzt du eventuell nach deinem Essen nur noch herum und wartest darauf, dass du weiterarbeiten kannst? Musst du unbezahlte Überstunden leisten? Hast du deinen Wohnort wegen dem Job ausgewählt oder verlagert? Würdest du ohne deinen Job woanders (günstiger) wohnen? Gönnst du dir öfter mal etwas, um vom stressigen Job „runter zu kommen“? Würdest du das auch brauchen, wenn du vielleicht einen anderen Job hättest?

Du merkst bestimmt langsam, auf was ich hinaus will.

Diese zusätzlichen Ausgaben (Geld und Zeit) sollte man meiner Meinung nach in den Stundenlohn mit einrechnen, um den „wahren Stundenlohn“ zu erfahren.

Vergleich von drei Beispielpersonen

Um dir ein besseres Verständnis dafür zu geben, will ich drei Beispiele zeigen.

  1. Anette, Bäckereifachverkäuferin, 40 Std.-Woche, geht zu Fuß in die Arbeit, bekommt Arbeitskleidung
  2. Dirk, Bankangestellter, 40 Std.-Woche mit 5 unbezahlten Überstunden, pendelt täglich 20 km einfach, muss sich seine Kleidung selbst kaufen
  3. Stefan, Bereichsleiter, 40-Std.-Woche mit 20 unbezahlten Überstunden, wohnt in der Großstadt, pendelt per U-Bahn
DetailAnetteDirkStefan
Arbeitszeit / Woche404040
Gehalt Brutto / Jahr26.853 €ca. 49.000 €ca. 105.000 €
Gehalt Netto / Jahr (Anteil vom Brutto)19.031 € (70,87 %)31.175 € (63,62 %)59.964 € (57,10 %)
Gehalt Netto / Monat1.585 €2.597 €4.997 €
Arbeitsstunden / Jahr1.6801.6801.680
einfacher Netto-Stundenlohn11,32 18,55 35,69 €
zusätzliche Kosten:
Pendelkosten0,00 €2.940 €1.100 €
Arbeitskleidung0,00 €1.000 €2.000 €
Mittagessen210 €1.050 €3.150 €
Wohnort0 €0 €12.000 €
„sich etwas gönnen“500 €2.000 €
erhöhte Lebenskosten0 €0 €1.500 €
Gesamt:210 €5.490 €21.750 €
zusätzliche Zeit:
Pendelzeit / Jahr70 Std.175 Std.280 Std.
überschüssige Mittagspause / Jahr0 Std.52,5 Std.105 Std.
unbezahlte Überstunden / Jahr0 Std.210 Std.840 Std.
Gesamt:70 Std.437,5 Std.1.225 Std.
neues Nettogehalt / Jahr (Anteil vom Brutto)18.821 € (70,08 %)25.685 € (52,41 %)33.214 € (31,63 %)
neues Nettogehalt / Monat1.568 €2.140 €2.767 €
neue Arbeitsstunden / Jahr1.750 Std.2.117,5 Std.2.905 Std.
wahrer Stundenlohn10,75 €12,13 €11,43 €
zum Vergleich nochmal der einfache Stundenlohn11,32 €18,55 €35,69 €
Infos zu den Berechnungen

Netto-Gehälter mit Steuerklasse 1 und keine Kirchenzugehörigkeit berechnet, 42 Arbeitswochen, 6 Wochen Urlaub, 2 Wochen Krankheit, 2 Wochen Feiertage und Fortbildungen. Pendelkosten 0,35 € / km im Auto, 100 € Monatsticket U-Bahn.

Dirk kauft sich 3 günstige Anzüge inkl. Schuhe etc. pro Jahr. Stefan ist hier nicht ganz so preisbewusst und gibt daher das Doppelte aus.

Dirk braucht für seinen Arbeitsweg von 20 km ca. 25 Minuten, Anette geht zu Fuß in 10 Minuten und Stefan braucht ca. 40 Minuten.

Zum Mittagessen nimmt sich Anette von zu Hause etwas mit oder kauft sich in der Arbeit etwas Vergünstigtes in der Bäckerei. Dafür gibt sie im Schnitt 1 € täglich mehr aus, als wenn sie nicht arbeiten ginge. Dirk lässt sich öfters Essen liefern oder geht mit seinen Kollegen mittags zum Italiener um die Ecke. Somit gibt er ca. 5 € täglich mehr aus. Stefan geht ebenfalls täglich zum Essen, muss aber in der Großstadt mehr zahlen und außerdem gönnt er sich immer mal wieder etwas Höherpreisiges. Daher gibt er täglich 15 € mehr aus. Anette hat täglich 30 Minuten Mittagspause, Dirk 45 und Stefan 60 Minuten.

Anette wohnt in einer Kleinstadt relativ günstig in einer 2-Zimmer-Wohnung. Dirk hat sich für eine größere, neuere Wohnung entschieden. Stefan ist extra wegen dem Job in die Großstadt gezogen und zahlt nun 1.000 € mehr pro Monat für eine ähnliche Wohnung. Auch seine Lebenshaltungskosten sind in der großen Stadt höher als bei den beiden anderen.

Anders als Anette, die mit ihrem Leben sehr zufrieden ist, müssen sich Dirk und Stefan immer wieder etwas gönnen, da sie einen anstrengenden, stressigen Job haben und runter kommen wollen. Stefan gibt hier am meisten aus, da in der Großstadt die Möglichkeiten vielfältig sind, aber die Preise auch höher.

Wer ist glücklicher?

Am Ende sollte man sich noch die Frage stellen, wer von den drei fiktiven Beispielpersonen am glücklichsten ist. Anette hat die meiste Freizeit, Dirk hat 437 Stunden weniger und Stefan sogar 1.225 Stunden weniger pro Jahr.

Dafür kann Dirk über knapp 7.000 € mehr verfügen und Stefan sogar über knapp 15.000 € mehr als Anette. Aber der wahre Stundenlohn von Dirk ist sogar höher als der von Stefan, und das, obwohl Stefan über das Doppelte von Dirk (brutto) verdient!

Somit muss sich jeder selbst die Frage stellen, ob es einem das Wert ist. Beantworten kann man diese aber nur, wenn man sich einmal den eigenen „wahren Stundenlohn“ ausgerechnet hat.

Ich persönlich würde mich in dieser Beispielrechnung eher bei Dirk sehen, da meiner Meinung nach das Leben nicht nur aus Arbeit und Pendeln bestehen sollte. Aber vielleicht gibt es eine noch bessere Alternative, wenn man in ein Teilzeitmodell mit nur 4 statt 5 Arbeitstagen in der Woche wechselt? Oder vielleicht gibt es bei dir auch die Möglichkeit, mit Remote-Arbeit einen Teil der Fahrtkosten zu sparen?

Das Stundenoptimum

Die progressive Einkommensteuer

In Deutschland haben wir eine progressive Einkommensteuer, das heißt, mit steigendem Einkommen steigt auch die Steuerbelastung – effektiv bekommt man für jeden mehr verdienten Euro immer weniger Netto heraus.

Kleiner Fact am Rande: Die viel gehörte Aussage, bei einer Gehaltserhöhung bekomme man am Ende weniger Netto als zuvor ist immer falsch! Man zahlt nämlich nie mehr als 45 % Steuern + Sozialabgaben auf jeden zusätzlichen Euro, was bedeutet, dass am Ende immer mehr Netto übrig ist.

Diese progressive Einkommensteuer sieht dann in etwa so aus:

Einkommensteuer in Deutschland

Der Grenzsteuersatz gibt dabei an, mit wie viel Steuer ein zusätzlich verdienter Euro beaufschlagt wird. Der Steuersatz (oder auch Durchschnittssteuersatz) gibt an, welchen durchschnittlichen Steuersatz man auf sein gesamtes Einkommen zahlen muss.

Wie man sieht zahlt man bis zum Grundfreibetrag (knapp 10.000 €) erstmal gar keine Steuern. Anschließend wird jeder zusätzlich verdiente Euro mit mindestens 14 % versteuert. Dies steigert sich dann bis zu den 42 %. Irgendwann später kommt noch die Reichensteuer dazu und dann sind es 45 %. Bis dahin zahlt man aber maximal 39 % durchschnittlich auf das gesamte Einkommen.

Was bedeutet das jetzt?

Man könnte sich überlegen, bzw. durchrechnen, ob es besser ist, nur 4 statt 5 Tage zu arbeiten und dadurch diverse Kosten (Pendeln, Mittagessen, unbezahlte Überstunden) einzusparen. Außerdem ist dann der Stresspegel nicht so hoch, da man im Idealfall dann 3 Tage Wochenende hat. Durch die Steuerprogression verliert man auch viel weniger Netto als Brutto.

Schauen wir uns die drei Beispiele nochmal an, nur diesmal arbeiten alle nur 32 statt 40 Stunden pro Woche und das an 4 Tagen. In Klammern dahinter siehst du immer die Veränderung.

DetailAnetteDirkStefan
Arbeitszeit / Woche32 (-8)32 (-8)32 (-8)
Gehalt Brutto / Jahr21.482 € (-5.371)39.200 € (-9.800)84.000 € (-21.000)
Gehalt Netto / Jahr (Anteil vom Brutto)15.763 € (-3.268)
(73,37 % (+2,5))
25.840 € (-5.335) (65,92 % (+2,3))48.704 € (-11.260) (57,98 % (+0,88))
Gehalt Netto / Monat1.313 € (-272)2.153 € (-444)4.059 € (-938)
Arbeitsstunden / Jahr1.344 (-336)1.344 (-336)1.344 (-336)
einfacher Netto-Stundenlohn11,72 € (+0,40)19,23 € (+0,68)36,24 € (+0,55)
zusätzliche Kosten:
Pendelkosten0,00 €2.352 € (-588)1.100 €
Arbeitskleidung0,00 €1.000 €2.000 €
Mittagessen168 € (-42)840 € (-210)2.520 € (-630)
Wohnort0 €0 €12.000 €
„sich etwas gönnen“400 € (-100)1.600 € (-400)
erhöhte Lebenskosten0 €0 €1.500 €
Gesamt:168 € (-42)4.592 € (-898)20.720 € (-1.030)
zusätzliche Zeit:
Pendelzeit / Jahr56 Std. (-14)140 (-35)224 Std. (-56)
überschüssige Mittagspause / Jahr0 Std.42 Std. (-10,5)84 Std. (-21)
unbezahlte Überstunden / Jahr0 Std.168 Std. (-42)672 Std. (-168)
Gesamt:56 Std.(-14)350 Std. (-87,5)980 Std. (-245)
neues Nettogehalt / Jahr (Anteil vom Brutto)15.595 € (-3.226) (72,59 % (+2,51))21.248 € (-4.437) (54,20 % (+1,79))27.984 € (-5.230) (33,31 % (+1,68))
neues Nettogehalt / Monat1.299 € (-269)1.770 € (-370)2.332 € (-435)
neue Arbeitsstunden / Jahr1.400 Std. (-350)1.694 Std. (-423,5)2.324 Std. (-581)
wahrer Stundenlohn11,14 € (+0,39)12,54 € (+0,41)12,04 € (+0,61)
zum Vergleich nochmal der einfache Stundenlohn11,72 € (+0,40)19,23 € (+0,68)36,24 € (+0,55)

Fällt dir etwas auf? Die Stundenlöhne, egal ob „wahr“ oder nicht steigen bei allen drei Beispielen. Außerdem verlieren alle drei wesentlich weniger Nettogehalt als man im ersten Moment denkt, da durch weniger Pendeln, Mittagessen etc. wieder Ausgaben wegfallen.

  • Anette kauft sich so für 269 € jede Woche 8 Stunden und 20 Minuten Freizeit.
  • Dirk kann sich für 370 € jede Woche 10 Stunden und 5 Minuten Freizeit kaufen.
  • Bei Stefan lohnt es sich so richtig. Er bekommt 13 Stunden und 50 Minuten jede Woche für 435 €.

Ich finde, das ist ein wirklich fairer Deal, man muss es sich nur leisten können. Wenn man aber frugalistisch lebt, dürfte das kein Problem sein.

Die 4-Tage-Arbeitswoche sehe ich persönlich aktuell als das Stundenoptimum an, wenn man in Deutschland lebt (und noch keine anderen passiven Einkommen hat).

Wie sieht es bei dir aus?

Hast du dir schonmal deinen wahren Stundenlohn ausgerechnet?

Auf welchen Wert kommst du?

Bist du mit deiner Wahl zufrieden?

Gibt es Alternativen, die vorteilhafter für dich wären?

Lasse es mich gerne in den Kommentaren wissen!

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